Zur Startseite Zur Navigation Zum Inhalt Zur Kontaktseite Zur Sitemapseite Zur Suche

Was bedeutet Kirche den Menschen im Kanton Luzern? In einem Film, der zum 50-Jahre-Jubiläum der drei Luzerner Landeskirchen entstanden ist, sagen sie es gleich selbst. Der vierminütige Streifen eignet sich auch gut für den Religionsunterricht.

«Für mich ist die Kirche so eine Art Dorfgemeinschaft», meint ein Mann zu Beginn. Sie finde es «mega toll», wie sich in der Kirche Leute ehrenamtlich engagierten, sagt später eine Frau. Und ein Bub erzählt begeistert vom Spielen in der Jubla.

«Kirche kommt an»: Unter diesem Motto feiern die katholische und reformierte Kirche im Kanton Luzern 2020 das 50-jährige Bestehen ihrer Anerkennung durch den Staat, zusammen mit der schon älteren christkatholischen Kirche. «Wir hören zu», versichern sie im Abspann des vierminütigen Animationsfilms. Dafür begab sich das Produktionsteam mit dem Mikrofon auf Strassen und Plätze von Luzerner Gemeinden und fragte Passantinnen und Passanten, was ihnen die Kirche bedeute. Deren Stimmen und die originalen Hintergrundgeräusche bilden den Tonteppich des Films, der ohne weitere Erklärungen auskommt. Auf diese Weise entsteht ein vielschichtiges Bild von Kirche, in dem auch kritische Aussagen Platz haben. So sagt eine Frau an einer Stelle, die Pfarreifeste jüngst hätten ihr zwar gutgetan. «Aber sonst finde ich Kirche ein bisschen langweilig.»

Auch mit einem Augenzwinkern

Was Kirche Menschen bedeutet: Dies will der Animationsfilm der Kirchen im Kanton Luzern aufzeigen – auch mit einem Augenzwinkern. Am Mittwoch dieser Woche (20. Mai 2020) hätte der Streifen an den Synodesessionen der katholischen und reformierten Kirche Premiere gefeiert. Das Corona-Virus hat diesen Plan durchkreuzt, auch die gemeinsame Feier der beiden Parlamente im Anschluss ans Geschäftliche entfällt. Stattdessen machen die Kirchen mit einer Postkartenaktion auf den Film aufmerksam. Die Premiere findet gleichentags statt – punkt 10 Uhr auf Facebook und Youtube. Auf dem letzteren Kanal ist er frei verfügbar.

Unter dem Dach der römisch-katholischen Landeskirche des Kantons Luzern (www.lukath.ch) befinden sich mehrere Fachbereiche. Wir suchen auf den 1. August 2020 oder nach Vereinbarung eine/einen Fachverantwortliche/Fachverantwortlichen Religionsunterricht und Gemeindekatechese. Das Pensum beträgt 70 %. Die bisherige Stelleninhaberin, Edith Pfister, orientiert sich beruflich neu.

Als verantwortliche Person im Fachbereich Pastoral sind Sie für die Aus- und Weiterbildung im Bildungsgang Katechese nach ForModula mitverantwortlich. Sie leisten mit Ihrer Kompetenz einen wichtigen Beitrag, dieses interessante und abwechslungsreiche Arbeitsfeld weiterzuentwickeln. Eine vielfältige Bildungsaufgabe mit Erwachsenen erwartet Sie.

Ihr Aufgabenbereich

  • Bildungs- und Konzeptarbeit im Bildungsgang Katechese nach ForModula
  • Weiterbildungsangebote für Katechetinnen und Katecheten
  • Entwicklung des Religionsunterrichts und der Katechese im Kanton Luzern
  • Öffentlichkeitsarbeit
  • Mitarbeit in Arbeits-/Projektgruppen auf deutschschweizerischer, diözesaner und kantonaler Ebene
  • Grundlagenarbeit innerhalb des Fachbereichs Pastoral
  • Projektorientierte Mitarbeit in den Fachbereichen

Ihr Profil

  • Abschluss am Religionspädagogischen Institut/Katechetischen Institut Luzern ( RPI/KIL), abgeschlossenes Theologiestudium mit Berufseinführung des Bistums Basel oder gleichwertige Ausbildung
  • Religionspädagogische/katechetische und erwachsenenbildnerische Berufserfahrung
  • Ausbildung in Erwachsenenbildung (SVEB I) von Vorteil
  • Gute PC-Kenntnisse und Bereitschaft, den Lern-Blog zu betreuen
  • Freude an der Entwicklungsarbeit im pastoralen Bildungsbereich
  • Bereitschaft, im Team zu arbeiten und Kompetenzen in die fachübergreifende Zusammenarbeit einzubringen

Es erwartet Sie

  • ein vielfältiges und interessantes Berufsfeld
  • zeitgemässe Arbeitsbedingungen und ein modern eingerichteter Arbeitsplatz
  • ein motiviertes Team, das den Austausch pflegt und gezielt fachübergreifend arbeitet
  • gute Sozialleistungen

Weitere Auskunft gibt Ihnen gerne Gregor Gander-Thür,  Stellenleiter Fachbereiche, 041 419 48 56, gregor.gander@lukath.ch

Wir freuen uns auf Ihre Bewerbung. Senden Sie diese bis 16. März 2020 an:

Bischöfliches Ordinariat
Abteilung Personal
Baselstrasse 58
5401 Solothurn
personalamt@bistum-basel.ch

Mit Kopie an:

Römisch-katholische Landeskirche
des Kantons Luzern
Edi Wigger, Synodalverwalter
Abendweg 1, Postfach
6000 Luzern 6
edi.wigger@lukath.ch

Die Bibel steckt voller Geschichten. Mit Figuren erzählt, werden die Menschen darin lebendig. «Dann geht es ins Herz», weiss Claudia Oeschger. Die Familienfrau und Pfarreiratspräsidentin aus Steinhausen hat schon um die 230 «Biblische Figuren Schwarzenberg» gestaltet und gibt Kurse. Jetzt teilt sie ihr Wissen auch an einem Angebot der Landeskirche Luzern.

Schwarzenberg? Sind das nicht diese Krippenfiguren? Stimmt, aber längst nicht nur. Zwar fertigen die meisten Personen, die bei Claudia Oeschger einen Kurs besuchen, eine Maria, den Josef, Hirten und das Jesuskind an; später vielleicht noch die drei Könige. Die «Biblischen Figuren Schwarzenberg», wie sie heissen, hauchen jedoch der ganzen Welt der Bibel Leben ein: Moses etwa, wie er die Israeliten aus Ägypten führt, wo sie vom Pharao geplagt werden, König David mit seiner Harfe oder Maria, als ihr der Engel des Herrn die Gottesgeburt verheisst.

Wirklichkeitsnah, weil beweglich

Kinder lauschen gerne Geschichten aus der Bibel und vertiefen sich in Bilder dazu. «Wenn sie aber noch die Figuren vor sich sehen, die man sogar in die Hand nehmen und bewegen kann, geht das ins Herz», sagt Oeschger. Die 30 Zentimeter hohen Figuren stehen mit ihren Bleifüssen sicher, und dank des Sisaldrahtgestells lassen sie sich bewegen, wie es die Geschichte erfordert oder der eigenen Vorstellung entspricht. Claudia Oeschger erinnert sich an ihre Kindheit, als sie bei einer Tante das erste Mal Schwarzenberger Figuren sah. «Ich dachte schon damals, solche will ich auch einmal.» Die beweglichen Figuren sind für sie wirklichkeitsnaher, «die hölzernen schauen ja immer in die gleiche Richtung». Sie nimmt eine Figur zur Hand, dreht den Kopf und breitet die Arme aus. Und schon nimmt die Geschichte in Gedanken eine andere Richtung. «Das innere Bild ändert sich.»

Die «Biblischen Figuren Schwarzenberg» heissen so, weil die Kurse dafür lange Jahre im ehemaligen Bildungszentrum Matt des Schweizerischen Katholischen Frauenbunds in Schwarzenberg stattfanden. Zurück gehen sie auf eine Ordensfrau im Kloster Ilanz, die Mitte der 60er-Jahre eine Weihnachtskrippe mit beweglichen Figuren entwickelte.

«Die Menschen berühren»

Claudia Oeschger, Mutter von drei Kindern und ursprünglich Floristin, gestaltete vor bald 25 Jahren ihre ersten biblischen Figuren. Sie fing Feuer, hängte Kurs um Kurs an und ist inzwischen Mitglied der Bildungsgruppe in der «Vereinigung Kursleiterinnen Biblische Figuren Schwarzenberg». Um die 230 Figuren hat Oeschger bisher gestaltet und in wechselnden Darstellungen schon öffentlich gezeigt. Was sie will, «die Menschen berühren und ihnen die biblischen Geschichten ohne Worte näher bringen», entspricht dem Zweckartikel der Vereinigung: «Die christliche Botschaft wird sichtbar und lebendig gemacht und ermöglicht eine Vertiefung des Glaubens.»

Dominik Thali

Sursee hat einen neuen, digitalen Versöhnungsweg. «Ein Weg für alle Sinne», meint Religionspädagogin Carina Wallimann. Sie hat den Weg kreiert.

Ein Beitrag aus der «Surseer Woche» vom 4. April 2019; Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung von Verfasser und Redaktionsleiter Dominique Moccand

Krach mit dem Nachbarn. Streit mit dem Chef. Einen «Fünfermocken» geklaut. Was jetzt? Beichten in der Kirche? «Nein», sagt Carina Wallimann, «Vergebung, Versöhnung und Wiedergutmachung sind Themen des Lebens, nicht nur der Kirche.» Die Religionspädagogin in Ausbildung der Pfarrei Sursee muss es wissen. Für ihre Bachelorarbeit an der theologischen Fakultät der Universität Luzern beschäftigt sich Wallimann intensiv mit Aus- und Versöhnung.

Die Beichte in der Kirche werde heute kaum mehr praktiziert, erklärt Wallimann. Das Beichtsakrament werde nur mehr von einer kleinen Zielgruppe, die stark kirchlich sozialisiert worden sei, in Anspruch genommen. «Dabei hat Versöhnung ganz viele Facetten. Es geht um Kontemplation, um Aussöhnung mit sich selbst, mit dem Nächsten und mit der Schöpfung aber auch mit Gott.»

Spielerisch und lustvoll

Mit dem digitalen Versöhnungsweg, den sie im Rahmen ihrer Bachelorarbeit kreiert hat, will Wallimann deshalb neue Wege beschreiten. Ihre Leitfrage: Wie bekommen Erwachsene, die der Kirche distanziert gegenüberstehen, einen neuen Zugang zur Versöhnung? «Auf dem Versöhnungsweg geht es um Lebensfragen, um Inspiration. Es ist ein spiritueller Weg, auf dem man Gott begegnen kann – wenn man es zulässt», sagt Carina Wallimann.

«The Way of Life», so der Name des Versöhnungswegs, führt während 30 Minuten durch und um die Surseer Altstadt. «Es ist ein Weg für alle Sinne», sagt Carina Wallimann. Verschiedene Impulse, auch musikalische, und malerische Orte würden dazu einladen, auf spielerische und lustvolle Weise spirituelle Inseln zu schaffen. Im Kloster Sursee endet der Weg. «Ob es danach ein weiterführendes Gespräch mit einem Seelsorger braucht, muss jeder für sich entscheiden», sagt Wallimann.

Wenn der digitale Versöhnungsweg auf Resonanz stösst, möchte die Religionspädagogin weitere verwirklichen. Etwa solche, die man als Paar oder als Teenager mit seinen Eltern beschreiten kann.

Mit dem Amtsantritt Ulrich Zwinglis als «Leutpriester» (Pfarrer) am Grossmünster in Zürich am Neujahrstag 1519 begann die Reformation in der Schweiz anzulaufen, die in Deutschland schon am 31. Oktober 1517 ins Rollen gekommen war. − Ein Blick zurück von Albert Gasser und eine ausführliche Medienliste zum Zwingli-Kinofilm, zusammengestellt von Urs Stadelmann.

Es war auch der 35. Geburtstag des aus Wildhaus stammenden Geistlichen. Erst war er Pfarrer in Glarus gewesen und zuletzt drei Jahre in Einsiedeln, in einer Zeit, in der das Kloster praktisch ohne Mönche war. Das Spätmittelalter gilt geschichtsläufig als Zeit voller religiöser Missstände. Das ist buchstäblich nur die halbe Wahrheit. Denn es gab ebenso sehr viele Aufbruchsbewegungen, eine gesunde Laienspiritualität, von der auch Bruder Klaus erfasst war (den Zwingli übrigens sehr schätzte). Schon vor der Reformation existierten vollständige Bibelübersetzungen ins Deutsche. Dass Gottvertrauen wichtiger und wirksamer sei als Wallfahrten, Reliquien und Ablässe, hatte sich schon vor den Reformatoren bei einsichtigen Theologen und Seelsorgern herumgesprochen.

Reformstau war anerkannt
Dass der von allen anerkannte Reformstau sich in gegensätzliche Reformkanäle aufteilte, macht die eigentliche Tragik des Reformationsgeschehens im 16. Jahrhundert aus. Es hätte damals nicht so kommen müssen, und die katholische Kirche betrieb in der Folge nicht einfach «Gegenreformation», sondern eine «katholische Reform».

Zwingli erwarb sich ein fundiertes, vor allem biblisches Wissen weitgehend im Selbststudium und im Kontakt mit Humanisten. Er erklärte in seiner Antrittspredigt, er werde fortlaufend über das Matthäusevangelium predigen. Damit setzte er die liturgisch vorgegebene biblische Leseordnung ausser Kraft. Eine Revolution war das gewiss nicht, aber ein Ausrufezeichen wurde gesetzt.

Skandalöses «Wurstessen»
In der Fastenzeit 1522 veranstaltete die Zürcher Druckerei Froschauer eine Wurstparty mit demonstrativem Bruch der Fastenordnung. Zwingli gehörte zu den Gästen, aber er verköstigte sich mit «Chüechli». In einer Schrift verteidigte er die Freiheit gegenüber den Fastenvorschriften. Daraufhin wurde auch die bischöfliche Behörde in Konstanz hellhörig. Fastengebote waren zwar keine Glaubenssätze, aber nach den Vorgängen in Deutschland war man alarmiert. Die Episode in der Druckerei bedeutete auch ein Signal. Die Erfindung des Buchdruckes machte die Reformation zu einem gewaltigen Medienereignis. In der Folge entwickelte sich eine das Reformationsgeschehen überall begleitende Praxis: die Disputationen, das heisst öffentliche und heftige Diskussionsrunden, vergleichbar mit der «Arena» heute im Fernsehen: Ein Riesenspektakel, wobei es den Zuschauern nicht primär um die Wahrheit ging, sondern man verteilte Punkte nach Witz und Schlagfertigkeit.

Beschimpft als «roter Ueli»
Zwingli legte an der Disputation im Januar 1523 sein Programm vor. Papst und Bischöfe versagen bei Reformfragen. Grundlage aller Veränderung ist einzig die Heilige Schrift, und diese stellt uns den alleinigen Urheber unser Heils vor: Jesus Christus. Darin ist nicht die Rede von kirchlichen Bräuchen und päpstlichen Vollmachten. Alle Reformatoren forderten die Einführung der Priesterehe, wogegen nichts in der Bibel und in der altkirchlichen Tradition stehe. Dabei ging es vor allem auch um eine Sanierung des verbreiteten Konkubinats und der illegitimen Kinder. Zwingli wollte Zürich zu einem Gemeinwesen umgestalten, wo politische und geistliche Funktionen einander zuarbeiteten.

Zwingli war in Zürich nicht unbestritten. Es kam vor, dass ihn Leute in nächtlicher Demonstration vor seinem Amtssitz als fremden «Glarner» und wegen der Haarfarbe als «roten Ueli» beschimpften. 1525 wurde in der Karwoche die Messe abgeschafft und durch das sitzende Abendmahl ersetzt. Das war die empfindlichste Zäsur, und alsbald wurde auswärtiger Messbesuch verboten.

Friedlicher Suppenbrunch
Zwingli wollte die gesamte Eidgenossenschaft in die Reformation führen, unter der Leitung von Zürich und Bern. Das kam bei den Inneren Orten nicht gut an. Die Spannungen zwischen Stadt- und Landorten kochten wieder hoch. Die Inneren Orte solidarisierten sich nicht mit dem Papst, wollten aber auf finanziell ergiebige Solddienste – die Zwingli verabscheute – nicht verzichten, um die «Arbeitslosigkeit» in ihren bevölkerungsstarken Bergregionen zu senken.

Zwingli war überzeugt, dass die Innerschweizer von ihren «Oligarchen», wie er die Landammänner abqualifizierte, gehindert würde, die Reformation anzunehmen. Man könne zwar nie den Glauben andern aufzwingen, aber müsse die Hindernisse mit Gewalt abbauen. Jedoch dämpfte das gewachsene eidgenössische Zusammengehörigkeitsgefühl die kriegerische Aggressionslust. So verbrüderten sich die im Juni 1529 bei Kappel gegeneinander aufmarschierten Heere in einem friedlichen Suppenbrunch.

Von Hungerängsten getrieben
Zwingli suchte die Entscheidung weiter auf eidgenössischem Feld. Aber die Zürcher waren zurückhaltend und die Berner noch zurückhaltender. Man einigte sich auf eine Lebensmittelblockade gegenüber den katholischen Orten. Die Proviantsperre, welche nicht Zwinglis Vorschlag war, weil sie den Falschen schade, traf die auf Vieh- und Milchwirtschaft spezialisierten Inneren Orte ins Mark. Von Entbehrung und Hungerängsten getrieben, nicht aus Leidenschaft für den Glauben, rückten sie im Herbst 1531 erneut aus, und wieder stiessen die feindlichen Heere bei Kappel aufeinander. Darauf spielte «General Zufall» eine Rolle. Man hatte «sportlich fair» den Schlachttermin auf den andern Tag verschoben. Aber ein Urner Haudegen schlug eigenmächtig vorzeitig los und löste Panik bei den Zürchern aus, die überstürzt flohen. Zwingli hielt stand und fiel. Dieser Kurzkrieg dauerte nach militärhistorischen Schätzungen 20 bis 30 Minuten, nicht einmal eine Halbzeit beim Fussball.

Ess- und Trinkgelage als Kitt
Dann aber kam wieder die beste eidgenössische Tugend zum Zug, die Kompromissfähigkeit. Man wollte die Bünde erhalten. Es gab einen Kitt, die Verwaltung der gemeinsamen Vogteien. Die katholischen Orte waren sich ihrer Grenzen bewusst und wollten sich nicht für Papst und Kaiser verheizen. Die Innerschweizer rivalisierten auch untereinander und mussten beispielsweise bei Animositäten zwischen Ob- und Nidwalden vermitteln. An Tagsatzungen raufte man sich zusammen und zelebrierte das wirksamste Bindemittel: Ess- und Trinkgelage, gegenseitige Besuche über die zahlreichen Flüsse und Seen hinweg. Es gab stets überkonfessionelle Freundschaften, aber keine individuelle Glaubensfreiheit. Das lag damals nicht drin.

Albert Gasser

Albert Gasser ist emeritierter Professor für Kirchengeschichte an der Theologischen Hochschule in Chur. Er lebt in Sarnen.

Weihnachten ohne «Stille Nacht»? Geht gar nicht. Was dem Priester Joseph Mohr und Musiker Franz Xaver Gruber an Heiligabend 1818 in Oberndorf bei Salzburg gelang, gilt heute als «liturgisches Muss» im Mitternachtsgottesdienst.

Als «Höhepunkt aller Weihnachtsgottesdienste» bezeichnet Andreas Wüest, Chorleiter und Organist im Pastoralraum Baldeggersee, «Stille Nacht». Für Seppi Hodel, Leiter des Pastoralraums Malters-Schwarzenberg, gehört das Lied «zum Standard an Heiligabend und Weihnachten». Es sei «ein Lied, das sogar absolute Nichtsänger zum Singen bringen kann», erlebt Monika Huber, Pfarreisekretärin, Katechetin und Kirchenmusik in Luthern.

«Wiegender Rhythmus»

Und weshalb? «Das Lied ‹Stille Nacht› ist ein starker Gegenpol zu unserer stressigen Welt, das ein Gefühl von Geborgenheit auslöst», meint Moana Labbate, Chorleiterin und Dirigentin aus Hildisrieden. Sie erwähnt die «ausgewogen aufbauende Melodie» und den «wiegenden Rhythmus», während Seppi Hodel «Stille Nacht» mit einem «Einschlaflied vergleicht, das beruhigt, Sicherheit gibt und an die Kindheit erinnert, wo Eltern, Engel und Gott wachen».


Vor der Krippe uraufgeführt

«‹Stille Nacht› rührt einfach ans Herz», fasst Michael Neureiter zusammen. Er präsidiert seit elf Jahren die Stille-Nacht-Gesellschaft, die im Umfeld von Salzburg das Erbe von Joseph Mohr und Franz Xaver Gruber pflegt. Neureiter, 67, wuchs im Mesnerhaus von Hallein auf, in dem der Lehrer, Musiker und «Stille-Nacht»-Komponist Gruber (1787–1863) ab 1835 lebte. Die Stadt Hallein liegt gut 15 Kilometer südlich von Salzburg. Etwa gleich weit nördlich davon befindet sich Oberndorf, wo sich der junge Priester Joseph Mohr (1792–1848) mit Gruber anfreundete, als dieser in der dortigen St. Nikolaus-Kirche ab 1816 den Kantoren- und Organistendienst versah.

An Heiligabend 1818 bat Mohr seinen Freund, das Gedicht «Stille Nacht», das er zwei Jahre zuvor geschrieben hatte, zur Christmette zu vertonen. In der gleichen Nacht, am Ende des Gottesdienstes vor der Krippe, sangen die beiden das Lied erstmals. Mohr begleitete «Stille Nacht» auf der Gitarre. So erzählt der Komponist selbst 1854 in seiner «Authentischen Veranlassung» von 1854 die Entstehungsgeschichte von «Stille Nacht». Grund für diese Schrift war die damals sich verbreitende Annahme, der Komponist Michael Haydn (1737–1806) sei der Schöpfer des Liedes.

«Ein Phänomen»

Dabei wurde «Stille Nacht» bis Mitte des 19. Jahrhunderts schon in der halben Welt gesungen. «Stille Nacht» sei «mit seiner weltweiten Verbreitung ein einzigartiges Phänomen», schrieb die österreichische Volksmusikforscherin Gerlinde Haid (1943 –2012) 2010 in ihrem Gutachten zur Aufnahme von «Stille Nacht» in das österreichische Weltkulturerbe (siehe Kasten). Es habe sich nicht erst «mit den medialen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts» verbreitet. Vielmehr werde das Lied «tatsächlich vielfach aktiv gesungen» und nicht nur als «Musikkonserve» gehört.

Heute wärs ein Youtube-Hit

Heute würde «Stille Nacht» zum Youtube-Hit. Damals aber, 1825, brachte der Orgelbauer Karl Mauracher das Lied von einem Auftrag in Oberndorf Melodie und Text ins Zillertal. Von hier gelangte es über Gruppen, die mit folkloristischen Programmen in Mitteleuorpa, später auch in Übersee, konzertierten, in die Welt. Über die Familie Rainer, eine dieser Gruppen, heisst es auf einer Inschrift auf dem Friedhof Fügen, sie habe «durch ihre Konzertreisen […] Tirol und das Zillertal weltbekannt» gemacht. Und: «Ludwig Rainer (1824–1893) brachte ‹Stille Nacht› im Jahre 1839 nach Amerika. Er war der berühmteste Nationalsänger des 19. Jahrhunderts.» Zum Erfolg von «Stille Nacht» trug auch der Verlag Friese in Dresden bei, der die Partitur um 1830 als «ächtes Tyroler Lied» erstmals gedruckt herausgab.
«Stille Nacht» wird inzwischen in rund 300 Sprachen gesungen. Christian Albrecht, Redaktor der Zeitschrift «Musik und Liturgie» des Schweizerischen Katholischen Kirchenmusikverbands, schreibt in deren Septemberausgabe, das Lied lasse sich «ebenso wenig in ein Schema pressen wie Text und Melodie unverrückbar fixiert» seien. Es entstünden «immer wieder neue Varianten mit minimalen Divergenzen».


Ein holder Knabe?

Eine solche stammt von der Benediktiner-Schwester Silja Walter (1919–2011), die 2007 den «holden Knaben im lockigen Haar» durch «Engel künden: O fürchtet euch nicht» ersetzte. Diese Fassung wählt Seppi Hodel seit Jahren für den Weihnachtstag – da in der Dunkelheit der Kirche an Heiligabend nur der ursprüngliche Text auswendig gesungen werden könne. In Luthern wiederum wird Monika Huber «Stille Nacht» dieses Jahr in verschiedenen Formen und Variationen in die Mitternachtsmesse einbauen, bis hin zum Klangteppich. Sicher werde aber die traditionelle Fassung nicht fehlen – was der Meinung von Gerlinde Haid entspricht, die Popularität von «Stille Nacht» sei «hauptsächlich in der Melodie» angelegt.
Und dem Rat von Martin Hobi Rechnung trägt, Professor für Kirchenmusik an der Hochschule Luzern und Redaktionskollege von Christian Albrecht. In seinen «Orgelanfängen» sei «Stille Nacht» oft belächelt und als «kitschig» bewertet worden. «Zwischenzeitlich ist es aber ein liturgisches Muss. Besser also, Sie versuchten es nicht ohne – schon gar nicht im Zweihundertsten.»

Dominik Thali

Nächste Seite »